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«Nachdem ich meine persönlichen Sachen einer Bekannten anvertraut hatte, fuhr ich mit dem Bus zum Bahnhof. Dort wanderte ich die ganze Nacht mit meinem Rucksack umher, ohne ein Auge zuzumachen.» So sehen manche Nächte von Jeanette aus – oft mehrere Tage aufeinander, wenn sich mal wieder keine Unterkunft finden lässt.
Jeannette kam Ende 2019 für einen befristeten Einsatz nach Genf und war die Hausköchin eines afrikanischen Botschafters. Vier Jahre übte sie ihre Arbeit in aller Ruhe aus und pflegte gute Beziehungen zu dem Diplomaten und seiner Familie, bei denen sie in der offiziellen Residenz wohnte. Am Ende ihres Mandats wollte Jeannettes Arbeitgeber, dass sie ihre Tätigkeit im Dienst des neuen Botschafters fortsetzt. Doch Spannungen zwischen den beiden afrikanischen Vertretern blieben nicht ohne Folgen für sie – und Jeanette geriet zwischen die Fronten.
Allein gegen einen mächtigen Gegner
Von Unterkunft zu Unterkunft
Während der Dauer des Verfahrens war Jeannette gezwungen, vorübergehend in der Schweiz zu bleiben. Nach zwei Nächten im Hotel, brauchte Jeannette schnell eine kostengünstigere Unterkunft. In Genf ist bezahlbarer Wohnraum kaum verfügbar. Zu ihrem Glück traf sie in einem Genfer Stadtteil auf eine Frau, der sie vertraute und die ihr anbot, in ihrem Keller zu wohnen. Ein ungewöhnlicher Ort, aber angesichts des Mangels an Alternativen nahm Jeannette das Angebot an und lebte dort fast zwei Monate.
Dann fand sie ein Zimmer, das sie mit ihren Ersparnissen knapp finanzieren konnte. Aber angesichts der hohen Miete war das ersparte Geld schnell aufgebraucht. Schliesslich blieb ihr nichts anderes übrig, als ihre ersten Nächte draussen in der Kälte zu verbringen.
Dank der Hilfe von Nachtwächtern und Sozialarbeitern gelingt es ihr bis heute, vorübergehende Lösungen zu finden. Sie zieht von einer Unterkunft zur nächsten: eine Nacht hier, ein paar Wochen dort, manchmal auch mehrere Monate. Zwischen zwei verfügbaren Plätzen muss sie jedoch ab und zu immer noch draussen übernachten. «Manchmal hatte ich auf der Strasse das Gefühl, mein Herz würde versagen. Es war, als würde ich nicht mehr existieren», sagt sie mit stockender Stimme.
Dabei wünscht sich Jeanette nur eines: den Rechtsstreit mit ihrem ehemaligen Arbeitgeber beizulegen, damit sie zu ihrem Recht kommt und endlich nach Hause zurückkehren kann. Ihre Angehörigen warten in Fatick, einer Stadt im Senegal, auf sie. Hier ist sie geboren und aufgewachsen. Hier ist sie zuhause. Nach einer gescheiterten Ehe liess sie sich vorübergehend aus beruflichen Gründen in Mali nieder. Dort lernte sie den Botschafter kennen, für den sie dann in der Genfer Umgebung arbeitete – bevor sich mit dessen Nachfolger ihr Leben grundlegend veränderte.
Das «Bel’Espérance» – ein Ort des Trostes
Während sie auf die Klärung des Rechtsstreits wartet, kämpft Jeannette weiter um eine Unterkunft. Ihr Weg durch verschiedene Frauenhäuser in Genf führte sie kürzlich zum zweiten Mal in das Frauenwohnhaus der Heilsarmee, das «Bel’Espérance». Die Begegnungen dort und die Unterstützung, die sie erfährt, spenden ihr in dieser schweren Zeit Trost. «Es ist ein Segen, hier aufgenommen worden zu sein. Die Menschen sind so freundlich. Man wird nicht nur herzlich empfangen, untergebracht und verköstigt, sondern es gibt auch immer jemanden, dem man sich anvertrauen kann, der einem gerne zuhört und einen ermutigt», erklärt Jeannette voller Dankbarkeit.
Was sie nach ihrem Aufenthalt im «Bel’Espérance» erwartet, weiss sie noch nicht. Es ist nicht auszuschliessen, dass sie wieder im Freien übernachten muss, bis sie eine andere Lösung findet.
Auch beim Gerichtsverfahren ist die Lage ungewiss. Nach den letzten Informationen hat der Botschafter das Land verlassen. Jeanettes letzte Hoffnung ist nun, mit seinem Nachfolger eine Einigung zu erzielen. «Wenn ich immer noch keine Entschädigung bekomme, werde ich ohne irgendetwas gehen müssen. Schliesslich kann ich unter diesen Umständen hier nicht unbegrenzt umherirren», sagt sie niedergeschlagen.
*Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden Name und Vorname geändert.
Raphaël Kadishi
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