Teilt euer Brot mit den Hungrigen, nehmt Obdachlose bei euch auf, und wenn ihr einem begegnet, der in Lumpen herumläuft, gebt ihm Kleider! Helft, wo ihr könnt, und verschliesst eure Augen nicht vor den Nöten eurer Mitmenschen!
Jesaja 58:7
Auch in der wohlhabenden Schweiz gibt es tausende Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben. Für sie stellt Obdachlosigkeit eine schmerzliche Realität dar, die sie jeden Tag aufs Neue erleben müssen. Gerade im Winter leiden Menschen ohne Obdach am meisten. Besonders betroffen sind obdachlose Frauen, deren Not oft unsichtbar bleibt. Erfahren Sie mehr!
Hilfsangebot finden Obdachlose FrauenAls obdachlos werden Menschen ohne eigene Unterkunft bezeichnet, die in Bereichen des öffentlichen Raums leben und schlafen. Diese Menschen, die draussen übernachten, werden als sogenannte Rough Sleepers bezeichnet. Als obdachlos gelten zudem Menschen, welche die Nacht in Notschlafstellen und anderen niederschwelligen Einrichtungen verbringen. Als entscheidendes Kriterium gilt hier, dass diese Einrichtungen tagsüber geschlossen und für Betroffene nicht zugänglich sind.
In der von Fachkreisen international breit anerkannten ETHOS-Typologisierung von Obdach- und Wohnungslosigkeit hat die FEANTSA drei weitere Typen einer unzureichenden Wohnsituation definiert: (2)
Aus Umfrageergebnissen einer Studie der Hochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz (FHNW) (PDF), die im Auftrag des Bundesamts für Wohnungswesen (BWO) erstellt wurde, wird für das Jahr 2022 geschätzt, dass rund 2’200 Menschen in der Schweiz von Obdachlosigkeit betroffen und etwa 8’000 Menschen von Wohnungsverlust bedroht sind. Die Angaben basieren auf einem Schätzwert. Genaue Zahlen gibt es wegen einer fehlenden systematischen Erhebung der Daten in der Schweiz keine. Da an dieser Umfrage nur 28% aller Schweizer Gemeinden teilnahmen, kam eine Hochrechnung zum Schluss, dass in der Schweiz bis zu 3’810 Menschen in Obdachlosigkeit leben und 16’355 vom Verlust ihrer Wohnung bedroht sein könnten. (1)
Im Vergleich mit anderen europäischen Staaten und den direkten Nachbarländern ist in der Schweiz die Anzahl obdachloser Menschen eher tief. (3)
Klicken Sie auf folgenden Link, um einen Überblick über die wichtigsten Studienergebnisse zu erhalten.
Der Umstand, dass viele obdachlose Menschen in der Schweiz keine Sozialleistungen beziehen oder keinen Anspruch darauf haben («Sans-Papiers»), hat die Heilsarmee dazu veranlasst, diesen Menschen in Not vermehrt niederschwellige Hilfsangebote anzubieten. Ohne diese Soforthilfen würden viele von ihnen durch jegliche Maschen des sozialen Auffangnetzes rutschen und kaum Zugang zu Hilfeleistungen haben. Da diese Soforthilfen der Heilsarmee für obdachlose Menschen häufig nicht staatlich subventioniert sind, werden diese oftmals vollständig durch Spendengelder getragen.
Mit einer Spende helfen Sie, obdachlose Menschen aus ihrer Notlage zu befreien.
Forscher der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) haben zusammen mit Prof. Dr. Jörg Dittmann die erste schweizweite Studie zum Thema Obdachlosigkeit in der Schweiz durchgeführt. Erste Resultate haben wir bereits in unserem Bericht vom 15. November 2021 veröffentlicht – Draussen zu Hause – die Obdachlosigkeit in der Schweiz! Inzwischen liegen die definitiven Resultate dieser Studie vor. Dazu wollten wir von Prof. Dr. Jörg Dittmann anhand von uns bekannten Einzelschicksalen wissen, wie diese Menschen obdachlos geworden sind und vor allem, warum sie ohne Obdach bleiben.
Diese vier Menschen wurden von Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Heilsarmee im Sommer 2021 interviewt. Für diesen Bericht haben wir ihre Lebensgeschichte nur stichwortartig festgehalten. Im Fokus steht hier die Antwort der Wissenschaft auf ihre beschriebene Situation.
Christines ablehnende Haltung gegenüber der Sozialhilfe ist kein Einzelfall. Zu den Leistungen der Sozialhilfe gehört zwar, eine geeignete Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Jedoch beziehen viele armutsbetroffene Menschen keine Sozialhilfe. Nach den Ergebnissen der von der Hochschule Soziale Arbeit FHNW durchgeführten schweizerischer Nationalfonds-Studie zur Obdachlosigkeit in acht der grössten Schweizer Städte waren 91 Prozent der Personen, die draussen übernachteten und 81 Prozent der Menschen, die in einer Notschlafstelle unterkamen, nicht bei der Sozialhilfe gemeldet. Nicht bei der Sozialhilfe angemeldet zu sein, kann viele Gründe haben: Menschen verzichten trotz Notlage, die Sozialhilfe aufzusuchen, da ihnen die Anspruchsberechtigung fehlt. Sie besitzen z.B. keine gültigen Aufenthaltspapiere. Die Fachdiskussion weist auf das Misstrauen der Obdachlosen hin und ihre negativen Erfahrungen gegenüber staatlichen Behörden. Auch Scham, vom Staat Geld zu erhalten oder die Angst, sich (weiter) zu verschulden oder bestehende Schulden zurückzahlen zu müssen, gehören zu den wichtigsten Gründen für die Nichtinanspruchnahme der Sozialhilfe.
Wenn finanzielle Schwierigkeiten gross sind, Erwerbsarbeit fehlt und wenige Möglichkeiten bestehen, bei Verwandten oder Freundinnen und Freunden unterzukommen, gestaltet sich die Suche nach einer Wohnung selbst für Schweizerinnen und Schweizer, die aus dem Ausland zurückkehren, als schwierig. Das Beispiel von Francine weist darauf hin, dass der Bezug einer Notschlafstelle nicht selbstverständlich möglich ist.
Je nach Region unterscheiden sich die Notunterkünfte sowohl hinsichtlich ihrer Zugangsvoraussetzungen (z.B.: Preis für die Übernachtung, bürokratischer Aufwand) und ihrer Auslastung. Die von der Hochschule Soziale Arbeit FHNW durchgeführte SNF-Studie zur Obdachlosigkeit kommt zum Ergebnis, dass die staatlichen wie auch nicht staatlichen Notschlafstellen in Genf und Lausanne niederschwelliger aber dafür ausgelasteter sind als z.B. in Basel, St. Gallen und Luzern. Der Fall von Francine regt an darüber nachzudenken, ob Notschlafstellen gendersensibel ausgestaltet sind. Zudem stellt sich die Frage, inwieweit durch die Corona-Pandemie Unterkünfte knapp wurden und andere Übernachtungen z.B. Hotels und Pensionen organisiert werden konnten.
Der nationale wie auch internationale Forschungsstand weist seit längerem auf die Wechselwirkungen zwischen Sucht, psychischer Erkrankung und Obdachlosigkeit hin. Wobei Suchtabhängigkeit und psychische Erkrankungen sowohl eine Ursache als auch eine Folge der Obdachlosigkeit darstellen können. Die aus der Suchtabhängigkeit hervorgehenden körperlichen und psychischen Probleme- können eine Aufgabe der Wohnung oder eine Verfestigung der Obdachlosigkeit erklären.
Ebenso stellt das Leben auf der Gasse in vielerlei Hinsicht eine physische und psychische Belastung dar. Vereinsamung, Furcht vor rechtlichen Sanktionen aufgrund des Kaufs oder Konsums von Drogen oder die mit der Suchtabhängigkeit in Zusammenhang stehende sogenannte Beschaffungskriminalität und soziale Marginalisierung sowie Stigmatisierung werden als weitere Folgen dieser schwierigen Lebensumstände genannt.