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Obdachlose Frauen –
unsichtbar und schutzlos

Sie sind selten im Park oder am Bahnhof. Obdachlosen Frauen begegnet man im Alltag kaum. Nicht, weil es sie nicht gibt. Sondern, weil Frauen häufig nicht als «Obdachlose» zu erkennen sind. Warum ist das so? Welche Gefahren müssen sie überstehen? Und welche Hilfe bekommen sie? Antworten auf diese Fragen erhielten wir von Standortleiterinnen von Notschlafstellen als auch im Austausch mit Expertinnen und Experten.

Warum sind obdachlose Frauen unsichtbar?

Viele obdachlose Frauen bleiben «unsichtbar», weil sie sich aus Selbstschutz und Scham aus dem öffentlichen Raum zurückziehen. Oft übernachten sie bei Bekannten, in Notschlafstellen oder in prekären, teilweise ausbeuterischen Wohnsituationen. Sie vermeiden sichtbare Obdachlosigkeit, weil sie Gewalt fürchten, sich um ihre Kinder sorgen oder Angst vor Behörden haben.

Häufig führt der Weg in die Obdachlosigkeit spät auf die Strasse. Zunächst wohnen sie bei Partnern oder Verwandten. Das kann jedoch zu Abhängigkeiten oder Missbrauch führen. Hilfsangebote sind häufig auf Männer ausgerichtet. Für Frauen sind sie nicht immer sicher genug.

Insgesamt werden obdachlose Frauen kaum erfasst und fallen im Alltag kaum auf – obwohl sie besonders geschützt werden müssten. Somit wird ihre Situation in der Forschung oft übersehen (1). Und genau darin liegt das zentrale Problem: Wer nicht sichtbar ist, fällt durch jedes Raster. So wird es schwierig, passende Unterstützungsangebote bereitzustellen.

«Wie viele Frauen tatsächlich obdach- oder wohnungslos sind, ist nur lückenhaft bekannt. Damit mehr Frauen erreicht werden können, die in verdeckter Wohnungslosigkeit bleiben, braucht es zielgruppengerechte und frauenspezifische Angebote, zugängliche Schutzräume sowie niederschwellige Beratung und Unterstützung.»

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Marie Glaser, Leiterin des Bereichs Grundlagen Wohnen und Immobilien, Bundesamt für Wohnungswesen

Obdachlos oder wohnungslos – was ist was?

Obdachlos sind Menschen, die buchstäblich kein Dach über dem Kopf haben und auf der Strasse, in Parks oder in provisorischen Behausungen übernachten müssen. Wohnungslos bedeutet hingegen, keine eigene Wohnung zu haben – aber nicht zwingend im Freien zu leben. Viele wohnungslose Menschen finden vorübergehend Unterschlupf bei Freunden, in Übergangsheimen oder sozialen Einrichtungen.

Gerade Frauen sind häufig verdeckt wohnungslos. Aus Angst vor Übergriffen vermeiden sie das Leben auf der Strasse und suchen stattdessen kurzfristige, oft unsichere Schlafmöglichkeiten. Die Folge kann sein, dass sie in Abhängigkeitsverhältnisse geraten, in denen ihnen ein Platz zum Schlafen nur unter Bedingungen angeboten wird – manchmal auch im Austausch für sexuelle Handlungen. Diese Form der Ausbeutung macht ihre Lage besonders verletzlich und bleibt nach aussen in vielen Fällen unerkannt.

Welche besonderen Schwierigkeiten müssen obdachlose bzw. wohnungslose Frauen bewältigen?

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Das Leben obdachloser Frauen unterscheidet sich in vielen Punkten deutlich von jenem obdachloser Männern. Hilfsangebote sollten folgende spezifische Gegebenheiten berücksichtigen und frauenspezifische Angebote ausgebaut werden, um wirksame Prävention und langfristige Unterstützung zu gewährleisten.

Hohes Risiko für Gewalt und Ausbeutung

Frauen auf der Strasse sind einem hohen Risiko für körperliche und sexuelle Übergriffe, Missbrauch und Ausbeutung ausgesetzt. Aus Not sind manche gezwungen, Sex gegen einen Schlafplatz zu tauschen, was sie in gefährliche Situationen bringt.

Psychische Gesundheit und Traumata

Viele wohnungslose Frauen haben in ihrer Vorgeschichte Gewalt oder Missbrauch erlebt, häufig schon in jungen Jahren. Die Obdachlosigkeit selbst verschärft bestehende psychische Probleme, und es fehlt an ausreichenden, psychiatrischen Hilfsangeboten.

Mangel an sicheren Unterkünften

Bestehende Notunterkünfte sind oft nicht ausreichend auf die Bedürfnisse von Frauen, insbesondere Müttern mit Kindern, abgestimmt (z.B. fehlende Kinderbetreuung). Privatsphäre und spezifische Sicherheitsvorkehrungen fehlen weitgehend, was viele Frauen davon abhält, diese Hilfsangebote anzunehmen.

Hygieneprobleme

Der begrenzte Zugang zu sanitären Einrichtungen (Wasser, Toiletten, Duschen) ist für Frauen, insbesondere während der Menstruation, ein erhebliches Problem. Menstruationsprodukte sind teuer und in Notunterkünften nicht immer verfügbar, was die Hygiene erschwert und das Risiko von Infektionen sowie den Verlust der Würde erhöht.

Geschlechtsspezifische Gesundheitsversorgung

Es fehlt an geschlechtersensibler Gesundheitsversorgung, einschliesslich gynäkologischer Betreuung, Schwangerschaftsvorsorge und Zugang zu Verhütungsmitteln.

Bürokratie und Armutsspirale

Finanzielle Probleme, vielfach bedingt durch Trennung, sowie bürokratische Hürden behindern den Zugang zu Hilfen. Frauen trifft dies überdurchschnittlich stark, da sie häufiger über weniger finanzielle Ressourcen verfügen und Verantwortung für die Kinderbetreuung tragen.

«Frauen, die in die Notschlafstelle kommen, sind erleichtert, in einer spezifischen Notschlafstelle für FINTA zu sein. Zuvor fühlten sie sich oft zur Last oder zu Gefälligkeiten gedrängt. Das Team hört zu, akzeptiert sie und macht sie als Menschen sichtbar.»

Bettina Stocker
Bettina Stocker, Standortleiterin Frauen/FINTA-Notschlafstelle Bern
  • FINTA Akronym für die Geschlechteridentitäten Frau, Intergeschlechtlich, Non-Binär, Transgender und Agender.

«Ein Zuhause auf Zeit, um aufzutanken und wieder zu Kräften zu kommen!»

Klientin Frauen/FINTA-Notschlafstelle Bern

Welche Angebote stehen obdach- oder wohnungslosen Frauen zur Verfügung?

Woman Walking At Night in the City
Woman Walking At Night in the City

In der Schweiz gibt es verschiedene Angebote, doch deren Zugänglichkeit und Verfügbarkeit variiert je nach Region stark. Notschlafstellen für Frauen bieten geschützte Schlafplätze, Beratung und Zugang zu weiterführender Hilfe wie zum Beispiel Unterstützung bei der Wohnungs- oder Jobsuche.

Frauenhäuser stehen in erster Linie Frauen offen, die Gewalt erlebt haben und sind deshalb keine Option für Frauen in „reiner“ Obdachlosigkeit. Dennoch spielen sie in akuten Situationen wie zum Beispiel bei häuslicher Gewalt eine wichtige Rolle. Winterangebote, spezielle Notplätze oder geschützte Schlafmöglichkeiten können kurzfristig Entlastung bieten – sie sind jedoch begrenzt und meist saisonal. Beratungsstellen, Streetworkerinnen sowie unterstützen Frauen dabei, langfristige und sichere Wohnlösungen zu finden. Doch die Nachfrage übersteigt vielerorts das Angebot.

Die bestehenden Hilfsangebote sind wertvoll, doch sie reichen nicht aus, um die Gefahren und Bedürfnisse obdachloser Frauen umfassend aufzufangen. Sichtbar wird vor allem der Bedarf an mehr geschützten Unterkünften, niederschwelliger Beratung und Begleitung, die auf das Leben von Frauen abgestimmt sind.

Drei Fragen an Bettina Bürgi, Gruppenleiterin Notschlafstellen Kanton Basel-Stadt

Welche Frauen kommen bei Ihnen in die Notschlafstelle?

Bei uns übernachten viele Frauen mit psychischen Belastungen, die nicht selbständig wohnfähig sind. Oft werden auch Frauen aus Gefahrensituationen von der Polizei zu uns gebracht. Wir bieten ihnen ein sicheres Umfeld, in dem nur Frauen wohnen.

Was schätzen die Frauen an Ihrem Angebot am meisten?

Sie können bei uns zur Ruhe kommen und durchatmen. Am meisten schätzen sie die Privatsphäre mit höchstens drei Betten und eigenem Bad in den Zimmern. Wir sind das ganze Jahr über jede Nacht für sie da und geben auch Auskunft über Angebote, welche sie tagsüber aufsuchen können. Sie müssen nichts über sich Preis geben und doch entstehen mit den langjährigen Mitarbeitenden teilweise auch wichtige Vertrauensbeziehungen.

Wie lange dauert ein Aufenthalt?

Einige übernachten regelmässig und mehrere Jahre bei uns, was eigentlich die falsche Lösung ist. Darum ist es für uns das Schönste, wenn sie eine eigene Wohnung oder eine passende Anschlusslösung finden.

 

Wie unterstützt die Heilsarmee konkret Frauen ohne ein sicheres Zuhause?

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Die Heilsarmee setzt sich in der Schweiz verstärkt dafür ein, Frauen zu unterstützen, die von Wohnungsnot oder verdeckter Obdachlosigkeit betroffen sind. Zwar gibt es noch nicht in allen Regionen spezialisierte Angebote für Frauen, doch in ausgewählten Städten betreibt die Heilsarmee Notschlafstellen, Übergangsunterkünfte und Beratungsangebote, die auf die Bedürfnisse von Frauen zugeschnitten sind.

Sozialarbeiterinnen und Fachpersonen begleiten Betroffene bei der Wohnungssuche, unterstützen bei administrativen Anliegen, vermitteln an medizinische oder psychologische Angebote und helfen dabei, Stabilität im Alltag zurückzugewinnen.

«Seit einigen Jahren spüren wir an unseren Standorten deutlich, dass die Zahl obdachloser Frauen steigt. Darauf reagieren wir gezielt mit Angeboten, die Schutz und Sicherheit in den Mittelpunkt stellen.»

Manuel Breiter, Heilsarmee
Manuel Breiter, Regionalleiter Sozialwerke Mitte Heilsarmee

Dort, wo keine eigenen Frauen-Angebote vorhanden sind, arbeitet die Heilsarmee eng mit Frauenhäusern, Streetwork-Teams und weiteren sozialen Einrichtungen zusammen. Dieses Netzwerk ermöglicht rasche und niederschwellige Unterstützung – sei es durch kurzfristige Sicherheit, Orientierungsgespräche oder längerfristige Lösungen.

In Unterkünften, die nicht ausschliesslich für Frauen eingerichtet sind, achten wir konsequent auf geschützte Bereiche – etwa durch separate Eingänge, eigene Etagen und Sanitärbereiche wie auch Aufenthaltsräume. So schaffen wir Räume, in denen Frauen unter sich sein können und die Unterstützung erhalten, die sie dringend brauchen. Diesen besonderen Blick auf obdachlose Frauen werden wir auch in Zukunft weiter stärken.

Ein wichtiger Schwerpunkt liegt zudem auf Prävention. Die Heilsarmee macht auf verdeckte Obdachlosigkeit aufmerksam. Unter anderem, weil sie aufgrund häuslicher Gewalt gezwungen sind, ihre Wohnung zu verlassen und es an bezahlbarem, sicherem Wohnraum unzureichend vorhanden ist. Deshalb setzen wir uns politisch und gesellschaftlich für mehr sichere Wohn- und Unterstützungsangebote für Frauen ein.

Unsere Angebote für obdachlose Frauen

Offene Essenstische bei der Heilsarmee
Offene Essenstische bei der Heilsarmee

Sozialdiakonische Angebote

Das Kirchliche Werk der Heilsarmee bietet in den Kantonen Zürich und Aargau sowie in der Stadt Chur Notzimmer, die Frauen in akuten Notsituationen kurzfristigen Schutz ermöglichen. Zudem engagieren sich über 50 Kirchgemeinden schweizweit für Menschen in Not – mit Mahlzeiten, Beratung und offenen Begegnungsorten.

Mehr zu den Kirchgemeinden

«Wir stellen einen deutlichen und kontinuierlichen Anstieg der Zahl obdachloser Frauen auf den Strassen fest. Unsere 49 Plätze sind immer voll belegt. Auf der Straße zu schlafen ist keine Lösung, schon gar nicht für Frauen, die dort grösseren Gefahren ausgesetzt sind.“

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Khadi Sow, Standortleiterin Bel'Espérance Genf

Wie können Sie obdachlose Frauen unterstützen?

Hinschauen allein reicht nicht – wer aktiv wird, kann obdachlosen Frauen neue Wege eröffnen. Hier einige Möglichkeiten, sich zu engagieren.

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Darüber
sprechen

Obdachlosigkeit bei Frauen ist oft unsichtbar. Wer sich informiert und mit anderen über das Thema spricht, trägt dazu bei, dass betroffene Frauen weniger übersehen werden.

Unterstützen

Spenden an Organisationen helfen, geschützte Schlafplätze, Beratungen und langfristige Wohnlösungen zu ermöglichen

Freiwillig
mitarbeiten

Auch freiwillige Mitarbeit – etwa beim Kochen, Sortieren oder Begleiten – kann einen realen Unterschied bewirken.

Hinweisen

Wer eine Frau in einer schwierigen Wohnsituation trifft oder unterstützt, kann Anlaufstellen nennen: Notschlafstellen, soziale Dienste und Beratung.

Sich engagieren

Ob durch das Unterstützen lokaler Initiativen, das Schreiben an Politikerinnen und Politiker oder das Mitwirken in Arbeitsgruppen – Engagement kann dazu beitragen, dass Schutzplätze und Beratungsstellen für Frauen weiter ausgebaut werden.

Weiblich. Obdachlos. Unsichtbar. Gefährdet!

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Winterkälte bedroht obdachlose Menschen.

«Ein Ort, an dem ich mich angenommen fühle und der mir hilft, Schritt für Schritt durch diese schwere Zeit zu gehen.»

Klientin, Wohnhaus für Frauen, Bel'Espérance Genf

Quellen

(1) Marbin, D. Schreiter, S.: Frauen und Wohnungslosigkeit. Sozialpsychiatrische Informationen 1/2025. Köln: Psychiatrie Verlag GmbH

(2) Dittmann, Jörg; Dietrich, Simone; Stroezel, Holger, Drilling, Matthias (2022): Zusammenfassung der SNF-Studie OBDACH: Ausmass, Profil und Erklärungen der Obdachlosigkeit in 8 der grössten Städte der Schweiz. Muttenz: Hochschule für Soziale Arbeit FHNW.

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