Nicolas kam mit zehn Jahren in die Schweiz. Von Beginn seiner Schulzeit hier, war er – sozial gesehen – immer der zweitletzte oder letzte in der Hierarchie. Dies blieb so bis knapp vor der Matura. Dann fand ein Aufbäumen oder innere Revolte statt. Nicolas begann Gedichte zu schreiben. Diese waren sehr aggressiv. Doch plötzlich fand er Gehör bei den anderen und sogar etwas Bewunderung. Später hat sich Nicolas dann für die Aggressivität in seinen Werken geschämt.

Wenn Krankheit isoliert

Nach der Matura studierte Nicolas Rechtswissenschaften: «Während dieser Zeit war ich zum ersten Mal sozial richtig integriert – wenn auch ausschliesslich im Kreis von Tessinern. Wir haben zusammengewohnt und ich blühte leicht auf.» Doch dann manifestierte sich eine psychische Erkrankung: Nicolas bekam eine schwere Neurose. Er glaubte, dass er sich bereits bei der Berührung einer Hand mit HIV infizieren könnte. «Dies hat dazu geführt, dass ich mich innerlich verlor», erklärt er. Und die Angst isolierte ihn.

Nicolas entschied, sich diesem Zustand nicht zu unterwerfen. «Ich begab mich in die Höhle des Löwen», führt Nicolas aus «und nahm eine Stelle als Nachtwächter in einem Heim mit geistig beeinträchtigen Menschen an. Sie gehen stark von Berührungen aus und genau davor habe ich mich sehr gefürchtet.» Schnell stellte Nicolas fest, dass diese Menschen aber auch eine tiefe innere und herzliche Nähe geben. «Das hat mir sehr gutgetan. Sie waren meine ersten Ärzte bei der Bewältigung meiner Neurose. Eine weitere Ärztin war dann die Frau, die ich geheiratet habe – sie war Afrikanerin. Damals war Afrika in Sachen HIV sehr stark belastet. Ich habe dann auch versucht eine AIDS-Kampagne in Afrika zu lancieren. Nach zwei Jahren war klar, dass das nichts wird.

So lebte Nicolas fast zwei Jahrzehnte zwischen «Natur und Kultur», wie er selbst sagt. Unmittelbar begann er abends als freiwilliger Helfer im Pflegeheim, wo auch seine Mutter untergebracht war, zu arbeiten. So war er jeden Abend für ein paar Stunden geschützt vor Wind und Wetter, kümmerte sich einfühlsam um die Bewohnenden und konnte dafür von der Infrastruktur profitieren – mal eine warme, reinigende Dusche, mal saubere Kleider. Nach seinem Einsatz im Pflegeheim legte er sich für ein paar Stunden hin, um dann gegen vier Uhr morgens wieder in die Stadt zurückzukehren, um Zeitungen auszutragen. Im Anschluss verkaufte er dann noch zusätzlich das Strassenmagazin Surprise.

Das Leben unter freiem Himmel ist jedoch keine besonders gute Grundlage für eine Beziehung. Zwar war Nicolas durch seine Aktivitäten immer in einem gewissen Mass integriert und hatte auch soziale Kontakte, doch eine Partnerin hatte er in dieser Zeit nicht.

Start in ein neues Leben

Dem Einsatz der sip (sip züri – aufsuchende Sozialarbeit auf Zürichs Strassen) hat Nicolas zu verdanken, dass die Stadt Zürich sich bereit erklärte, ihm Sozialhilfe zu leisten. So fand er nach all den Jahren ohne festes Obdach ein Zuhause bei der Heilsarmee an der Molkenstrasse. Hier hat Nicolas Stabilität und Ruhe gefunden – und die Möglichkeit sein Leben mit einer Frau zu teilen. Seine Partnerin ist für ihn auch das Wichtigste, steht sie doch voll und ganz hinter ihm.

«Ich bin glücklich, etwas zu haben und bin dankbar dafür. Für alles – sei es für das Essen oder vor allem für das Zimmer, sei es für eine Aktivität, für ein Gespräch, aber auch für die Gemeinschaft mit anderen Menschen, die alle auch irgendein Problem mit sich tragen. Wobei das für jeden Menschen auf dieser Welt gilt – aber bei der Heilsarmee wird es offenbarer.»

Nicolas ist sehr dankbar und zeigt dies auch. So hilft er gern im Wohnhaus mit, unterstützt andere Bewohnende und setzt sich entsprechend seiner Möglichkeiten für die Belange Obdachloser ein. So verteilt er auch immer wieder kleine Zahnpastatuben, Zahnbürsten und Zahnseide für die Mundhygiene: «In all den Jahren hatte ich einmal für zwei Wochen heftige Zahnschmerzen. Das war grausam. Ich möchte das für andere vermeiden.» Seine Arbeit im Pflegeheim musste er aufgrund der Pandemie aussetzen. Das Zeitungsaustragen wie auch der Verkauf des Strassenmagazins Surprise gehören aber weiter zu seinem Alltag. Sein Wunsch für die Zukunft: «Eine Stelle in der Pflege.»

Angebote - Wohnen mit wertvollem Alltag

Das Wohnhaus der Heilsarmee an der Molkenstrasse in Zürich bietet 71 psychisch und sozial benachteiligten Männer und Frauen einen geschützten Lebensraum. Das Angebot richtet sich an Menschen ab 18 Jahren mit folgenden Problemlagen: ohne Wohnmöglichkeit, auf eine betreute Wohnsituation angewiesen, mit psychischen, somatischen und sozialen Schwierigkeiten oder mit Suchtproblemen. Ziele des Aufenthalts sind die Stabilisierung der persönlichen, sozialen und gesundheitlichen Situation, die Verbesserung der Lebensqualität, die Unterstützung der ganzheitlichen Entwicklung und die Stärkung der Persönlichkeit hin zu einem möglichst selbstständigen Leben. Zudem steht allen Bewohnerinnen und Bewohnern ein vielfältiges soziokulturelles Freizeitangebot, das der psychischen und sozialen Isolation entgegenwirkt, zur Verfügung.

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