Viele der Jugendlichen, die er im Zentrum betreut, hat Bruno bereits in den Bäuchen ihrer Mütter heranwachsen sehen. Heute rät er ihnen, die Finger von den Drogen zu lassen und nicht in die Kriminalität abzurutschen. Er ist ihr Vorbild, ihr Freund, steht ihnen bei und redet ihnen gut zu. Er kennt ihre Ängste und Sorgen. Einst waren es die Seinen.
Aus der Favela an die Universität
Nebst seiner Arbeit im Heilsarmee-Zentrum erweitert Bruno sein Fachwissen. Er lässt sich zum Sozialarbeiter ausbilden und studiert Psychologie. Dank seiner Stelle und seinem Einkommen hat er einen Studienplatz an einer Universität erhalten – keine Selbstverständlichkeit für einen Bewohner aus dem Armenviertel.
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Bruno hat entgegen allen Widrigkeiten bereits vieles erreicht. So konnte er auch das Haus kaufen, in dem er aufgewachsen ist, und ist somit der einzige Hausbesitzer in seiner Strasse. Auch wenn es sehr beengt ist, Risse in den Wänden hat und die Dusche nicht funktioniert, war es immer ein liebevolles Zuhause, in dem Bruno viel Zuneigung und Zuspruch erfuhr. Zeitweise teilten sich elf Personen die wenigen Quadratmeter. 2011 verstarb seine Mutter, und so leben heute nur noch sein Vater und Bruno im Haus.
Ein Leben für die Favela
Für Bruno ist Torre an sich nicht mehr gefährlich. Er ist bekannt und wird für sein Engagement respektiert. Er war nie Mitglied einer Gang oder vergangener Konflikte und muss sich daher nicht direkt um seine Sicherheit sorgen.
Doch – und das gilt für alle Bewohnerinnen und Bewohner von Torre – besteht die Gefahr, durch Projektile getroffen zu werden, die bei einem Schusswechsel ihr Ziel verfehlen und deren weitere Flugbahn tödlich enden kann. Fragt man Kinder in den Favelas Brasiliens nach deren grössten Angst, erhält man immer wieder die gleiche Antwort: «Balas perdidas» – verirrte Kugeln.
Wie real diese Bedrohung ist, beweist Bruno umgehend. Er legt zwei Patronenhülsen auf den Tisch: «Das sind die Überreste einer Schiesserei um die Ecke von vorgestern. Ich habe sie in der Gasse zu meinem Haus gefunden.» Sein Lächeln ist verschwunden.
Auch wenn das Leben in der Favela viele Gefahren birgt, mag Bruno das Viertel. Hier ist er aufgewachsen: «Alles in diesem Viertel ist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von ihm. Torre ist mein Zuhause.» Mit dieser Aussage kehrt auch sein Lächeln zurück.
Judith Nünlist
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