Zwischen Perspektivlosigkeit und Hoffnung: eine Favela Geschichte
Armut, Gewalt, Drogen, Kriminalität – das sind die ersten Gedanken, die einem beim Wort «Favela» in den Sinn kommen. Dass ein Leben im brasilianischen Armutsviertel aber nicht zwangsläufig von Hoffnungslosigkeit geprägt sein muss, beweist die Geschichte von Bruno da Silva.
Judith Nünlist
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in Zusammenarbeit mit André Chatelain | Lesedauer: 5 Minuten
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Bruno da Silva führt ein Leben in der Favela und lebt für die Favela.
Recife, Brasilien. Am westlichen Rand des Stadtteils Torre liegt hinter modernen Wohn- und Geschäftshäusern versteckt eines der Armenviertel der Millionenmetropole. Die Favela, benannt nach dem Quartier, unterscheidet sich optisch von den klassischen Armenvierteln Brasiliens: keine typische am Hang liegende Terrassensiedlung aus roten Ziegelstein- und Wellblech-Behausungen, sondern eine Ansiedlung einsturzgefährdeter Domizile inmitten der Grossstadt, nördlich begrenzt durch den Fluss Capibaribe. Mehrere Tausend armutsbetroffene und ausgegrenzte Einwohnerinnen und Einwohner Recifes leben hier.
Leben in der Favela
Recife
Recife ist die Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco im Nordosten Brasiliens. Die Hafenstadt mit rund 1,6 Mio. Einwohnenden ist ein wichtiges Handels- und Wirtschaftszentrum. Mit einer der höchsten Mordrate weltweit ist Recife jedoch auch sehr gefährlich.
Einer von ihnen ist der 29-jährige Bruno Manuel Santana da Silva. Ein schüchtern wirkender junger Mann, Typ gutmütiger Teddybär. Seine Familie war in den 90er-Jahren aus dem Landesinnern ins Armenviertel Torre gezogen. Hier hatte sein Vater Arbeit und konnte die Grossfamilie mit dem Notwendigsten wie einem einigermassen stabilen Dach über dem Kopf und Nahrung versorgen.
Gewalt, Drogen, Kriminalität
Das Leben in der Favela birgt viele Gefahren: Rivalisierende Gangmitglieder und Drogenbanden, die sich regelmässig blutige Auseinandersetzungen liefern, kriminelle Machenschaften und Drogen überall und in allen Formen.
Recife
Recife ist die Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco im Nordosten Brasiliens. Die Hafenstadt mit rund 1,6 Mio. Einwohnenden ist ein wichtiges Handels- und Wirtschaftszentrum. Mit einer der höchsten Mordrate weltweit ist Recife jedoch auch sehr gefährlich.
Bedrohungen verschiedenster Art und fehlende Perspektiven – nicht die ideale Umgebung für junge, leicht beeinflussbare Menschen. In Brasilien findet der Schulunterricht morgens statt. Da die Eltern jedoch meist ganztags arbeiten und entsprechende Betreuungseinrichtungen weitgehend fehlen, sind die Kinder und Jugendlichen oft bis in die späten Nachtstunden unbeaufsichtigt. Leichte Beute für kriminelle Banden.
Bruno kennt das alles: «Ich war als Kind auch oft unbeaufsichtigt», erklärt er, ohne Kritik an seinen Eltern zu üben, und führt weiter aus: «Ich hatte einen sicheren Zufluchtsort.»
Die Heilsarmee inmitten der Gefahr
Am Rande von Torre liegt das «Centro Comuntário de Integração» der Heilsarmee. Hier finden Kinder und Jugendliche mehr als einen geschützten Aufenthaltsort: Ausserschulische Aktivitäten fördern ihre emotionale Entwicklung, und sie werden in einem lernfördernden Umfeld durch die Schulzeit und auf dem Weg in die Arbeitswelt begleitet.
Programm zur Stärkung von Gemeinschaften und Aufbau von Kapazitäten für Kinder, Jugendliche und ihre Familien
Das Programm unterstützt und verbessert die Sozialkompetenzen von Kindern und Eltern. Durch Budget- und Erziehungsberatung sowie weitere Sozialprogramme hilft die Heilsarmee zudem den Eltern, das Potenzial ihrer Kinder zu entfalten. Auch werden in Zusammenarbeit mit den Familien die Rechte der Kinder gestärkt. Ziel ist es, die Kinder zu schützen und auf ihrem Weg zu Vollmitgliedern der Gesellschaft zu fördern und zu begleiten.
Hier verbrachte Bruno mehrheitlich seine Freizeit: «Das Zentrum gab mir Halt und Struktur. Ich wurde gefördert und unterstützt, konnte die Schule abschliessen und war für einige Stunden sicher vor den Gefahren, die das Leben in der Favela mit sich bringt. Das Zentrum vermittelte mir Hoffnung, zeigte mir Möglichkeiten auf und hat so viel dazu beigetragen, dass ich nicht kriminell wurde.»
Vom Begünstigten zum Helfer
Nach vielen Jahren, in denen das Heilsarmee-Zentrum ein wichtiges Refugium für Bruno war, erhielt er die Gelegenheit, in eben diesem Zentrum zu arbeiten: «Was für eine Chance für einen Jungen aus dem Viertel! Ohne zu zögern, griff ich zu», erzählt Bruno mit einem Lächeln.
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Das Heilsarmee-Zentrum am Rande der Favela von Torre.
Eine sichere Oase inmitten der Gefahr ...
… für unbeschwerte Erinnerungen.
Bruno in seinem Element – Jugendlichen Perspektiven vermitteln.
Viele der Jugendlichen, die er im Zentrum betreut, hat Bruno bereits in den Bäuchen ihrer Mütter heranwachsen sehen. Heute rät er ihnen, die Finger von den Drogen zu lassen und nicht in die Kriminalität abzurutschen. Er ist ihr Vorbild, ihr Freund, steht ihnen bei und redet ihnen gut zu. Er kennt ihre Ängste und Sorgen. Einst waren es die Seinen.
Aus der Favela an die Universität
Nebst seiner Arbeit im Heilsarmee-Zentrum erweitert Bruno sein Fachwissen. Er lässt sich zum Sozialarbeiter ausbilden und studiert Psychologie. Dank seiner Stelle und seinem Einkommen hat er einen Studienplatz an einer Universität erhalten – keine Selbstverständlichkeit für einen Bewohner aus dem Armenviertel.
Bruno hat entgegen allen Widrigkeiten bereits vieles erreicht. So konnte er auch das Haus kaufen, in dem er aufgewachsen ist, und ist somit der einzige Hausbesitzer in seiner Strasse. Auch wenn es sehr beengt ist, Risse in den Wänden hat und die Dusche nicht funktioniert, war es immer ein liebevolles Zuhause, in dem Bruno viel Zuneigung und Zuspruch erfuhr. Zeitweise teilten sich elf Personen die wenigen Quadratmeter. 2011 verstarb seine Mutter, und so leben heute nur noch sein Vater und Bruno im Haus.
Ein Leben für die Favela
Für Bruno ist Torre an sich nicht mehr gefährlich. Er ist bekannt und wird für sein Engagement respektiert. Er war nie Mitglied einer Gang oder vergangener Konflikte und muss sich daher nicht direkt um seine Sicherheit sorgen.
Doch – und das gilt für alle Bewohnerinnen und Bewohner von Torre – besteht die Gefahr, durch Projektile getroffen zu werden, die bei einem Schusswechsel ihr Ziel verfehlen und deren weitere Flugbahn tödlich enden kann. Fragt man Kinder in den Favelas Brasiliens nach deren grössten Angst, erhält man immer wieder die gleiche Antwort: «Balas perdidas» – verirrte Kugeln.
Wie real diese Bedrohung ist, beweist Bruno umgehend. Er legt zwei Patronenhülsen auf den Tisch: «Das sind die Überreste einer Schiesserei um die Ecke von vorgestern. Ich habe sie in der Gasse zu meinem Haus gefunden.» Sein Lächeln ist verschwunden.
Auch wenn das Leben in der Favela viele Gefahren birgt, mag Bruno das Viertel. Hier ist er aufgewachsen: «Alles in diesem Viertel ist ein Teil von mir und ich bin ein Teil von ihm. Torre ist mein Zuhause.» Mit dieser Aussage kehrt auch sein Lächeln zurück.
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Inmitten der Millionenmetropole Recife liegt die Favela von Torre.
Blick in eine der Gassen von Torre: Um die Häuser vor den regelmässigen Überflutungen durch den Capibaribe zu schützen, liegen die Eingänge erhöht.
Bruno vor seinem Zuhause.
Bruno mit seinem Vater – ein unzertrennliches Team.
Irgendwann will Bruno sich nach einem neuen Zuhause für sich und seinen Vater umsehen. Einem Haus mit weniger Rissen, einer funktionierenden Dusche und mehr Platz für beide. Vielleicht in einer anderen Strasse, aber auf jeden Fall in Torre.
«Aus einem Leben in der Favela kann viel Gutes entstehen.»
Bruno da Silva
Die Erfahrungen, Erinnerungen und Emotionen, die sozialen Bindungen und selbst die Gerüche – sowohl der Bäume als auch der Kanalisation – haben ihn zu dem Mann gemacht, der er heute ist: «Es ist genau dieses Leben, das mir zu verstehen gibt, warum ich für ein besseres, aussichtsreicheres Leben kämpfe», erklärt Bruno und führt weiter aus: «Die Favela gibt uns zwar in hohem Mass die soziale Orientierung vor, doch sie bestimmt nicht unseren Charakter. Auch wir können gesehen werden. Das will ich den Kindern und Jugendlichen in unseren Kursen und Beratungsgesprächen vermitteln. Denn auch ich wurde von meiner Nachbarschaft und den Menschen im Zentrum gesehen. Beide trugen wesentlich zu meiner positiven Entwicklung bei.»
Als Aussenstehender ist es sehr gefährlich, sich ohne Begleitschutz in Torre zu bewegen. So verabschiedet sich Bruno zwischen den modernen Wohntürmen mit einem festen Händedruck. Ein letztes Mal huscht sein entwaffnendes Lächeln über seine Lippen. Dann kehrt er zurück in die Favela.
Bruno Manuel Santana da Silva: Ein charismatischer, junger Mann, der trotz widriger Umstände nach vorne blickt und die wenigen Chancen ergreift, die ihm geboten werden.
Judith Nünlist
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