Grossteil der Obdachlosen sind «Sans-Papiers»
61%
61% aller obdachlosen Menschen in der Schweiz leben ohne gültigen Aufenthaltsstatus. Als «Sans-Papiers» sind sie stark überrepräsentiert und besonders vulnerabel.
Obdachlosigkeit in der Schweiz – Antworten auf die häufigsten Fragen zum Thema. Wir gehen den Gründen, Statistiken und Lösungsansätzen nach.
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Obdachlosigkeit wird in der Schweiz bis heute nicht systematisch erfasst. Entsprechend schwierig ist es, verlässliche und aktuelle Zahlen dazu zu erhalten, wie viele Menschen betroffen sind und wo sie sich aufhalten. Die letzte grössere Datengrundlage stammt aus dem Februar 2022, als die Hochschule für Soziale Arbeit FHNW eine vielbeachtete Umfrage zur «Obdachlosigkeit in der Schweiz» veröffentlichte. Seither liegen keine neueren nationalen Erhebungen vor. Daneben gibt es einzelne Studien, die Ursachen von Obdachlosigkeit untersuchen und Lösungsansätze aufzeigen. Hier geben wir einen Überblick über die häufigsten Fragen zum Thema Obdachlosigkeit.
Die Umfrage der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Schweizer Gemeinden liefert derzeit die wichtigste Datengrundlage zur Obdachlosigkeit in der Schweiz. An der Erhebung beteiligten sich rund 28 Prozent aller Gemeinden.
Auf Basis dieser Rückmeldungen haben die Studienautorinnen und -autoren die Ergebnisse statistisch auf die gesamte Schweiz hochgerechnet. Demnach sind rund 3’810 Menschen in der Schweiz von Obdachlosigkeit betroffen, und etwa 16’355 Personen gelten als von einem Verlust ihrer Wohnung bedroht. (1)
Die Heilsarmee ist der Meinung, dass wir Obdachlosigkeit nur dann erfolgreich bekämpfen können, wenn wir Unterstützung bieten, bevor Menschen ihre Wohnung verlieren. Unsere niederschwelligen Angebote dienen zur Überbrückung von Notsituationen. Die Heilsarmee bietet aber auch langfristige und nachhaltige Hilfe im Bereich Wohnen und dadurch Hoffnung für die Zukunft Betroffener.
Ursachen für Obdachlosigkeit gibt es viele. Sie kann strukturelle, individuelle oder systematische Gründe haben.
Strukturelle Gründe sind wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren, die sich auf die Betroffenen auswirken, wie z. B. bezahlbarer Wohnraum. Veränderungen in der Wirtschaft – wie in Zeiten von Corona – stellen manche Menschen vor existenzielle Probleme. Durch Arbeitslosigkeit oder ein zu geringes Einkommen können die Lebenshaltungskosten nicht mehr gedeckt werden.
Individuelle Gründe betreffen die persönlichen Umstände einer Person. Erkrankungen, eine Trennung, der Tod eines nahestehenden Menschen sowie familiäre Probleme lassen das Leben aus den Fugen geraten. Die veränderten Umstände führen oftmals zu Depressionen, zum Verlust der Arbeit und in schlimmen Fällen der Wohnung. Zunehmende psychische Belastung sowie Suchterkrankungen erschweren häufig den Weg zurück in die Gesellschaft und können in Obdachlosigkeit enden.
Systemische Gründe treten dann auf, wenn soziale Hilfen oder öffentliche Institutionen versagen oder gänzlich ausfallen. Ohne Zugang zu Sozialleistungen oder Unterstützung in Armutssituationen können Menschen schnell in die Obdachlosigkeit abrutschen. Bei vielen Einwanderinnen und Einwanderern ist eine fehlende Aufenthaltsbewilligung der Hauptgrund dafür, dass sie keine soziale Hilfe erhalten. Erschwerend kommen häufig Sprachbarrieren hinzu, die den Zugang zu bestehenden Hilfsangeboten zusätzlich verunmöglichen. (2)
Wohnungslose Menschen können aufgrund ihrer Situation nicht oder nur sehr beschränkt am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Voraussetzung für fast alles ist, dass man Angaben über seinen Wohnsitz (Adresse) machen kann. Auch für eine Arbeitsstelle braucht man eine gültige Adresse. Zudem fehlen ohne ein Zuhause auch die Privatsphäre und ein Rückzugsort. Obdachlosigkeit führt sehr oft zu Verwahrlosung und Armut, chronischen körperlichen und seelischen Krankheiten sowie zu grosser Verzweiflung.
Dass Wohnen ein Menschenrecht ist, wurde schon früher auf übergeordneten Ebenen festgehalten:
Allerdings lässt sich daraus kein einklagbares Recht ableiten (im Gegensatz zu Frankreich, wo das Gesetz 2007-290 ein solches festschreibt). (3)
Obdachlosigkeit betrifft Menschen aus sehr unterschiedlichen Lebenslagen und zieht sich durch alle Teile der Gesellschaft. Grundsätzlich kann jede Person davon betroffen werden. Um wirksame und nachhaltige Lösungen gegen Obdachlosigkeit entwickeln zu können, ist es entscheidend, genauer hinzuschauen: Lassen sich soziodemographische Auffälligkeiten bei obdachlosen Menschen erkennen? Gibt es soziale Gruppen, die besonders gefährdet sind, in eine Obdachlosigkeit abzurutschen? In welchen Regionen leben vermehrt Menschen ohne Obdach und wo braucht es dementsprechend ein aufgestocktes Hilfsangebot?
Frauen ohne Zuhause bleiben oft verborgen. Viele vermeiden öffentliche Schlafplätze, suchen Schutz in provisorischen Lösungen und geraten dadurch aus dem Blick der Hilfe. Lesen Sie unser Dossier dazu.
Weibliche ObdachlosigkeitIn folgender Bildergalerie finden Sie die wichtigsten Erkenntnisse der Studie des Center of Expertise in Life Course Reseearch, dargestellt in acht Grafiken. Untersucht wurden nur 8 Schweizer Städte:
Die Studie fand zwischen 2020 und 2022 statt. Die Datenlage basiert auf einer Face-to-Face-Befragung von obdachlosen Menschen in den acht Schweizer Städten Zürich, Genf, Basel, Bern, Lausanne, Luzern, St. Gallen und Lugano. Bei der Auswahl der Städte wurde berücksichtig, dass die drei grossen Sprachregionen sowie die einwohnerstärksten Gemeinden der Schweiz in der Studie vertreten sind. Insgesamt wurden 1’182 Personen befragt. Von diesen Menschen waren zum Zeitpunkt der Befragung 543 obdachlos. (4)
Die bisherigen Erkenntnisse zeigen, wie vielfältig und belastend Obdachlosigkeit ist und wie begrenzt klassische Nothilfeangebote oft wirken. Vor diesem Hintergrund rückt zunehmend die Frage in den Fokus, welche Ansätze nachhaltige Perspektiven schaffen können. Einer davon ist Housing First – ein Konzept, das international als wirksamer Weg aus der Obdachlosigkeit gilt.
Housing First bedeutet, wohnungslosen Menschen bedingungslos eine eigene Wohnung zur Verfügung zu stellen, besonders Menschen mit Suchtproblemen oder psychischen Krankheiten. Den Betroffenen wird eine intensive Begleitung angeboten. Sie erfahren Akzeptanz und können freiwillig und selbst bestimmt entscheiden. Housing First bedeutet einen Paradigmenwechsel: erst wohnen, dann die übrigen Probleme angehen.
Für die meisten Betroffenen ist wohnungslos zu sein mit einer enormen psychischen Belastung, viel Stress und Frust verbunden. Grundbedürfnisse, wie Sicherheit und Privatsphäre, bleiben unerfüllt.
Die Situation in den oftmals überfüllten Anlaufstellen wie Gassenküchen und Notunterkünften führt dazu, dass diese keine wirklichen Rückzugs- und Erholungsorte sind. Eine eigene Wohnung ist viel mehr als ein Obdach. Es geht um Schutz, Regeneration, Rückzug und Autonomie. Erst dadurch werden Ressourcen frei, damit Menschen an anderen Themen wie z. B. gesundheitlichen Problemen arbeiten können. (3)
Die ursprüngliche Idee aus Amerika war es, wohnungslose Menschen, die zugleich unter schwerwiegenden Problemen der psychischen Gesundheit oder einer Suchtabhängigkeit litten, eine Unterkunft zur Verfügung zu stellen. Diese Zielgruppe galt unter den Wohnungssuchenden als die verletzlichste und war ohne professionelle Hilfe auf dem liberalisierten Wohnungsmarkt kaum erfolgreich bei der Wohnungssuche. Housing First versteht sich also als innovativer Ansatz der Schadensbegrenzung: zuerst das Wohnen, dann das Arbeiten an den anderen Problemen. Der Ansatz zeigt in den USA und inzwischen auch in ganz Europa Erfolge. (2)
Die Heilsarmee geht in Basel innovative Wege in diesem Bereich und setzt auf dieses Konzept.
Obdachlos sind:
Wohnungslos sind:
Häufig übersehen werden Menschen in prekären Wohnsituationen, also wer keine eigene Wohnung hat und bei Freunden und Bekannten schläft. Dies betrifft vor allem jüngere Personen.
Ungesichertes Wohnen:
Unzureichendes Wohnen:
Helfen Sie uns, obdachlosen Menschen beizustehen. Mit Ihrer Spende leisten Sie einen wichtigen Beitrag, damit Obdachlosigkeit bald der Vergangenheit angehört.
Hat Ihnen der Artikel gefallen? Lesen Sie hier weitere Beiträge zum Thema Obdachlosigkeit.
Nadia Francioso
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Stephani Hans
Housing first ist der einzige Weg, aus dem Delimma zu kommen. Hat man erst eine Unterkunft, ergeben sich mit entsprechender Hilfe die anderen Probleme von selbst. Nicht die Wohnung zuletzt, wie es vielfach praktiziert wird.
Ich würde gerne helfen, gewisse anfallende Arbeiten bei Ihnen zu übernehmen ich bin 69 Jahre alt, kaufm. Ausbildung, 2 Sem. phil 1 begonnen.