· Jon Peregrinatio | Lesezeit: 5 Minuten · 0 Kommentare
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Wer sich für das Wohl von Kindern oder Jugendlichen und deren positive Entwicklung einsetzt, der muss sich früher oder später – wohl eher früher – mit dem Thema Sicherheit auseinandersetzen. Alle Menschen, und insbesondere junge Menschen, brauchen ein gewisses Grundmass an Sicherheit – physisch, psychologisch-emotional, finanziell und sozial – um sich entfalten zu können. Dies hat schon Maslow 1943 überzeugend dargelegt.
Wo Menschen aber zusammen leben kann es zu Missverständnissen, Auseinandersetzungen oder Unfällen verschiedenster Art kommen. Wo eine solch unerwartete Situation ins geordnete Leben hereinbricht, herrscht bald Chaos.
Deshalb haben sich die Leitung und die Mitarbeitenden des Kinder- & Jugendhaus Paradies (KJHP) intensiv mit dem Thema Sicherheit und Chaosbewältigung befasst. Angeleitet durch Exponenten einer professionellen Organisation, wurde die Sicherheit des KJHP ganzheitlich aufgerollt. Dies sowohl aus der operativen / taktischen Perspektive einerseits, als auch aus der abstrakten / praktischen andererseits. Dazu wurden über nun schon zwei Jahre regelmässige Workshops für die Leitung und aber auch für alle Mitarbeitenden durchgeführt.
Einem konsolidierten Sicherheitsansatz liegt zunächst immer die Frage nach der nicht-verhandelbaren Rechtslage einerseits und dem verbindenden Verständnis von Sicherheit andererseits zugrunde. Diese wurden also geklärt und auf das gemeinsame Ziel ausgerichtet.
In den Workshops wurde des Weiteren das Risikomanagement des KJHP – also der Prozess der Risikoerkennung, Risikobewertung als auch der Definition von Minimierungsmassnahmen – vertieft analysiert und wo nötig angepasst, ergänzt, formalisiert und konsolidiert.
Durch regelmässige Auswertung von konkreten Beispielen aus dem Alltag des KJHP konnten Lücken in der Sicherheit aufgedeckt und Chancen für die Optimierung erörtert werden. Diese Momente dienten auch wesentlich dazu, das gemeinsame Verständnis der Thematik zu fördern, individuelle Stärken und Unsicherheiten zu erkennen und die richtigen Personen für spezifische Aufgaben zum Ziel der gemeinsamen Sicherheit einzusetzen. Zudem halfen die regelmässige Fallreflexionen dazu, die Mitarbeitenden zu befähigen Risiken schnellstmöglichst erkennen und eine geeignete präventive oder intervenierende Aktion zeitnah auszulösen zu können.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Durchführung eines Selbstverteidigungskurses für Mitarbeitende. Inhaltlich standen dabei die Gefahrenerkennung, deeskalierende Verhaltensweisen, der Eigenschutz sowie einfache und verhältnismässige Techniken zum Schützen vor und Lösen aus körperlichen Übergriffen im Vordergrund. Durch Fallbeispiele und Rollenspiele wurde die Selbstverteidigung auch in den Kontext des ‘Führens im Chaos’ eingebettet. Durch Einsatzstichworte, Sofortmassnahmen, die Aufteilung in Teilprobleme mit den entsprechenden Wirkungszielen und klare Kommunikation können komplexe Situationen, ganzheitlich als Chaos wahrgenommen, strukturiert bewältigt werden.
Ziel war es bei alledem, das Gefahrenbewusstsein der Mitarbeitenden zu schärfen, ihre Handlungssicherheit zu stärken und sie zu befähigen, selber als auch im Team, herausfordernde oder potenziell eskalierende Situationen in legaler und legitimer Weise nach dem Prinzip der Verhältnismässigkeit bewältigen zu können.
Damit die Thematik nachhaltig präsent bleibt, wird sie nicht als einmalige Massnahme verstanden. Vielmehr soll sie regelmässig im Rahmen von Teamsitzungen, Fallreflexionen, pädagogischen Foren, Weiterbildungen sowie im kontinuierlichen Risikomanagement-Prozess aufgegriffen werden. Dadurch wird sichergestellt, dass das Bewusstsein für mögliche Risiken erhalten bleibt, Erfahrungen ausgetauscht und bei Bedarf weitere Präventions- oder Schutzmassnahmen entwickelt werden können.
Absolute Sicherheit gibt es nicht und sie ist nicht das allumfassende Ziel unserer Bemühungen. Dwight D. Eisenhower soll sogar gesagt haben, dass absolute Sicherheit Gefängnis oder Bankrott bedeutet.
Aber die proaktive und konkrete Bemühung um echte physische, psychisch-emotionale, finanzielle und soziale Sicherheit, also die praktische Umsetzung der Obhuts-, Fürsorge- und Nothilfepflicht, gehört trotzdem zum Kern unserer sozialpädagogischen Aufgabe, wenn wir ein Ort der Geborgenheit sein wollen, in dem sich Menschen entwickeln können – denn ohne die Sicherheit kann das übergeordnete Ziel nicht erreicht werden.
Sicherheit darf also nicht Hauptfokus des KJHP werden, aber sie ist gleichzeitig unentbehrliche Grundlage für den Erfolg.
Gastautor
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