Trotz digitaler Vernetzung leiden Jugendliche vermehrt an Einsamkeit.

Soziale Isolation hat gerade bei Jugendlichen viele Facetten, reicht sie heute doch weit über den Pausenplatz hinaus. Einsamkeit bei Jugendlichen wird zunehmend zu einem ernsthaften Problem, sogar mit potenziellen demokratiegefährdenden Auswirkungen. Gerade junge Menschen, die sich noch in einem Selbstfindungsprozess befinden und auch ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden haben, sind auf enge soziale Kontakte angewiesen. Gesellschaftliche Veränderungen, wie instabile soziale Beziehungen und digitale Innovationen, werden dafür als Ursachen genannt. Besonders die intensive Nutzung von sozialen Medien spielt eine bedeutende Rolle. Eine aktuelle Studie warnt davor, dass Einsamkeit nicht nur individuelle Folgen hat, sondern auch die gesamte Gesellschaft beeinflussen kann.

Jugendliche, die sich einsam fühlen und vermehrt Zeit online verbringen, sind empfänglicher für autoritäre Gedanken und Verschwörungsideologien. Über ein Drittel von ihnen empfindet selbst Gewalt gegen Politiker als gerechtfertigt. Professionelle Hilfe wird von weniger als der Hälfte gesucht.

Aufklärung und Unterstützung für ein gesundes Aufwachsen

Die Bedeutung der psychischen Gesundheit junger Menschen rückt zunehmend in den Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit. Untersuchungen zeigen, dass während der Adoleszenz häufig psychische Probleme und Störungen auftreten, die einen erheblichen Einfluss auf das Leben der Betroffenen haben können. Insbesondere die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie haben gezeigt, wie wichtig es ist, die mentale Gesundheit von Jugendlichen zu berücksichtigen. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend, die Herausforderungen im Umgang mit psychischen Erkrankungen zu erkennen, frühzeitig zu behandeln und präventive Massnahmen zu ergreifen.

Die mentale Gesundheit von Jugendlichen ist ein Thema, das oft von Missverständnissen und Mythen umgeben ist. (1)

Mythen und Fakten zur psychischen Gesundheit bei Jugendlichen

Mythos: Jugendliche haben keine psychischen Probleme.
Fakt ist: Weltweit leiden 10-20% der Jugendlichen an psychischen Störungen, die ihr Wohlbefinden und ihre Beziehungen beeinflussen können.

Mythos:Einmalige psychische Probleme führen zu lebenslanger Krankheit.
Fakt ist: Die meisten psychischen Probleme können behandelt werden, und die meisten Menschen fühlen sich nach Therapie oder Medikation besser.

Mythos: Über Suizid zu sprechen, erhöht das Risiko für Selbstmordversuche.
Fakt ist: Das offene Gespräch über Suizidgedanken ermöglicht Hilfe und Unterstützung für Betroffene.

Mythos: Psychische Probleme haben mit Schwäche zu tun.
Fakt ist:Psychische Probleme können durch verschiedene Faktoren verursacht werden und haben nichts mit Willensstärke zu tun.

Mythos: Jugendliche verwenden psychische Probleme als Ausrede für Faulheit.
Fakt ist: Jugendliche mit psychischen Problemen können müde oder desinteressiert wirken, weil sie mit überwältigenden Emotionen kämpfen.

Die psychische Gesundheit von Jugendlichen ist wichtig und sollte ernst genommen werden. Kostenlose Unterstützung und Therapiemöglichkeiten sind verfügbar. Informationen findest du zum Beispiel hier: www.wie-gehts-dir.ch/de/adressen-und-angebote/ich-suche-unterstuetzung oder auf der Webseite deiner Krankenkasse.

Präventionsarbeit durch Freizeitangebote und soziale Einrichtungen

Präventionsarbeit durch Freizeitangebote und soziale Einrichtungen spielt eine entscheidende Rolle, um einsame Jugendliche vor den negativen Einflüssen der Online-Welt zu schützen. Individuelle Betreuung und Begleitung ermöglichen es den Jugendlichen, alternative Wege zur sozialen Interaktion zu entdecken.

Gemeinsame Freizeitaktivitäten und Gruppenangebote fördern den Aufbau neuer Beziehungen und unterstützen junge Menschen dabei, sich in einer sozialen Gemeinschaft zu integrieren. Zudem bieten Soziale Einrichtungen einen sicheren Raum, in dem Jugendliche Unterstützung und Beratung erhalten. Die Förderung eines positiven Gruppengefühls und die Schaffung einer unterstützenden Gemeinschaft sind von grosser Bedeutung, um die Einsamkeit zu verringern und das psychische Wohlbefinden zu verbessern. Es ist wichtig, diese Präventionsarbeit weiter auszubauen und Jugendlichen einen breiten Zugang zu diesen Angeboten zu ermöglichen.

Die Nutzung von sozialen Netzwerken kann dazu führen, dass Jugendliche sich isoliert fühlen, da sie sich ständig mit anderen vergleichen und das Gefühl haben, nicht genug zu sein. Einsame Kinder und Jugendliche nehmen weniger an Aktivitäten teil, die sie mit anderen Kindern oder Jugendlichen zusammenführen. Dies kann dazu führen, dass sie sich noch einsamer fühlen und sich von Gleichaltrigen isolieren. «Einsamkeit kann zu Depressionen und anderen psychischen Problemen führen», erklärt Dr. Oliver Hämmig im Interview.

Es ist anzunehmen, dass ein Teil aller augenscheinlich unbegründeten Suizide von Kindern und Jugendlichen auf deren innerer Einsamkeit beruht, lange bevor die Symptome offensichtlich werden. Die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen kann viel bewirken. Allein schon durch ein vielfältiges Programm – ohne nun wieder Leistungsdruck auszuüben – können die Kinder und Jugendlichen in Kontakt miteinander kommen und sich besser kennenlernen. Insgesamt ist es wichtig, dass Einsamkeit bei Jugendlichen ernst genommen wird und dass Massnahmen ergriffen werden, um Jugendliche zu unterstützen und ihnen zu helfen, sich zu vernetzen und sich weniger einsam zu fühlen.

Unter Einsamkeit verstehe ich…

Aus einer Strassenumfrage bei Jugendlichen zum Thema Einsamkeit.

«… wenn Menschen keine Kollegen oder keine Ansprechperson haben.»

«… allein sein, aber auch innerlich.»

«… dass man sich an niemanden wenden kann, dem man vertrauen kann.»

Tabuthema Einsamkeit

Wird Einsamkeit heute bei älteren Menschen durchaus thematisiert, ist sie bei jungen Menschen weiterhin ein Tabu. Es kann ja gar nicht sein, dass heute noch jemand einsam ist – bei all den Kontaktmöglichkeiten, digital und analog. In dieser Einstellung liegt aber auch eines der grössten Probleme im Zusammenhang mit Einsamkeit. Es ist nicht nur ein Problem des einzelnen Individuums, es ist ein gesellschaftspolitisches Thema. Denn die Gesellschaft definiert die Regeln, die über Zugehörigkeit oder Isolation mitentscheiden. Und genau da muss angesetzt werden. Über Einsamkeit muss gesprochen werden, sie muss ein Thema werden, über das ohne Tabus diskutiert wird. Nur so können Betroffene ihre Scham und Ängste überwinden und sich auch selbst eingestehen, dass sie leiden und Hilfe brauchen, um der Isolation zu entfliehen.

Hast du schon einmal Einsamkeit erlebt?

Aus der Strassenumfrage bei Jugendlichen zum Thema Einsamkeit.

«In einzelnen Momenten, ja. Aber ich bin jetzt nicht längere Zeit einsam gewesen, zum Glück.»

«Ja absolut, immer wieder. Ich denke, dass das etwas ganz Normales ist. Ich denke, es ist auch wichtig, dass man einsam sein kann, dass man lernt, dass man auch allein Sachen machen kann.»

Ein frühes Auffangnetz ist entscheidend

Da Einsamkeit bei Jugendlichen von der Gesellschaft nach wie vor tabuisiert wird, ist es zudem sehr schwer an Betroffene zu gelangen. Sie ziehen sich zurück und bleiben und mit ihren Problemen allein, da sie aufgrund der Thematik nicht noch weitere Schmähungen aus ihrem Umfeld auf sich nehmen wollen. Die Einsamkeitsspirale dreht sich unaufhörlich weiter. Hier wäre jedoch ein frühes Auffangnetz entscheidend, um entsprechende Massnahmen ergreifen zu können und junge Menschen aus der sozialen Isolation zu holen.

Das Sozialwerk der Heilsarmee Schweiz bietet Jugendlichen in schwierigen Lebenslagen unkompliziert und schnell Unterstützung. In verschiedenen Institutionen finden sie Ruhe, können sich erholen und so den Weg in ein gesellschaftliches Leben wiederfinden. Jugendliche, die sich einsam fühlen, finden auch bei der Heilsarmee-Jugend verschiedene Aktivitäten, die zum geselligen Beisammensein einladen. Für einen umgehenden Rat können sich Betroffene auch an die Heilsarmee oder in dringenden Fällen an das Sorgentelefon Tel. 147 der Pro Juventute wenden.

Was hast du gegen die Einsamkeit unternommen?

Aus der Strassenumfrage bei Jugendlichen zum Thema Einsamkeit.

«Ich habe den Kontakt mit Freunden und der Familie gesucht und versucht viel Zeit zu verbringen mit Menschen, die ich gern habe.»

«Ich habe mich mit meinen Liebsten getroffen und habe mit ihnen über meine Probleme gesprochen. Das hat mir sehr geholfen.»

«Ich bin ein wenig aus meiner Komfortzone rausgekommen… und hoffe und würde mich sehr freuen, wenn mich die Menschen so akzeptieren können, wie ich eben bin.»

Einsamkeit betrifft uns alle – egal wie vernetzt wir vielleicht über digitale Kanäle sind. Wie gehst du mit Einsamkeit um? Schreib uns einen Kommentar.

Zeige 2 Kommentare

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

    Diese Seite ist durch reCAPTCHA und Google geschütztDatenschutz-Bestimmungen UndNutzungsbedingungen anwenden.

    The reCAPTCHA verification period has expired. Please reload the page.

    This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.

  • Tina Schulthess-Kaplan

    Möchte Euch Danken das Ihr dieses Problem angehenden für viele Junge Menschen ist es zur Zeit extrem schwierig all diese Leistungen zu erfühlen die es in der Corona Zeit
    gibt und der Weg ins Berufsleben ist noch schwerer geworden

    • Gino Brenni, Heilsarmee Autor

      Vielen Dank für Ihren Kommentar und den Zuspruch. Es ist tatsächlich extrem, welche Anforderungen gerade an die jugendliche Psyche gestellt werden. Der soziale Druck, die düsteren Zukunftsperspektiven, evtl. auch schwierige Familiensituationen bringen viele junge Menschen in seelische Not… Wir versuchen, so gut wie es geht zu unterstützen. Herzlich, Gino Brenni, Heilsarmee

Unterstützen

Die Einsamkeit in unserer Gesellschaft hat massiv zugenommen. Hilf uns, einsame Menschen wieder in ein soziales Gefüge zu bringen? Vielen Dank für deine Unterstüzung!

Spende für einsame Menschen

Jetzt spenden

Weitere Artikel zum Thema

Weitere Artikel, die sich mit den Herausforderungen von Jugendlichen beschäftigen.

Quelle:

1) Gemeinschaftsprojekt Psychologisches Institut und Instituts für Public Health, Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften, Departement Angewandte Psychologie: «Heb der Sorg!», www.zhaw.ch/takecare nach Vorlage von Adolescent Health Working Group. Originalunterlagen (Adolescent Provider Toolkit – Behavioral Health) unter: https://ahwg.org/provider-resources (eng.)

Zurück nach oben