Professionelle Nähe - Orientierung schaffen,
Raum lassen
Professionelle Nähe – also fachliche Distanz gepaart mit emotionaler Zugewandtheit – ist in der christlich-sozialen Arbeit unverzichtbar. Auch bei der Heilsarmee prägt sie die Begleitung von Menschen in Wohnangeboten ebenso wie in der Sozialhilfe.
Nähe ist kein Wundermittel, das alle Wunden heilt, aber sie ist Ausdruck sozialer Verbundenheit – und diese ist essenziell für ein erfülltes Leben. In einer Kultur der Distanz ist eine Haltung der professionellen Nähe somit unerlässlich.
Professionelle Nähe verbindet persönliche Zuwendung mit fachlicher Distanz. Sie ist weniger bevormundend, eher kooperativ und verhandelbar. Das bedeutet: weg von «Wir wissen, was gut für dich ist», hin zu «Was brauchst du – und wie können wir das gemeinsam ermöglichen?».
Und das Beste an (professioneller) Nähe: Sie wirkt sich positiv aus – und zwar auf alle Beteiligten.
Den Horizont näherbringen
Oft verlieren Menschen in schwierigen Lebenslagen den Glauben an sich selbst und an die Zukunft. Dann gilt es, ihnen den vermeintlich unerreichbaren Horizont wieder näher zu bringen. Dafür bauen wir mit ihnen Beziehungen auf, die auf Vertrauen und Empathie beruhen. Diese Nähe ermöglicht, Bedürfnisse aber auch Ängste wahrzunehmen, Hoffnung zu nähren und Veränderung zu bewirken.
Wie aus Ungewissheit Zukunft werden kann, zeigt der Umzug des Obstgartens während der zweijährigen Bauphase. Viele der Bewohnenden hatten im Vorfeld grosse Ängste vor diesem Schritt, zumal Veränderungen für sie oft besonders herausfordernd sind.
«Meine Meinung wird respektiert.»
Bewohnerin Obstgarten
Deshalb wurden sie frühzeitig in das Projekt einbezogen und ihre Rückmeldungen in die Weiterentwicklung eingebunden. Rituale, vertraute Abläufe und persönliche Gestaltungsmöglichkeiten halfen zudem, Sicherheit und Zugehörigkeit zu schaffen.
Inzwischen zeigen die Veränderungen Wirkung: Die Klientinnen und Klienten sind selbstsicherer und selbständiger geworden und bringen sich verstärkt in die Gemeinschaft ein. Veränderungen werden heute eher als Chance, denn als Bedrohung erlebt.
«Meine Meinung wird respektiert.»
Bewohnerin Obstgarten
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Gemeinsame Aktivitäten fördern die Zugehörigkeit.
Nähe schafft Raum für die individuelle Entwicklung.
Persönliche Begleitung auf Augenhöhe.
Selbstbestimmt und verantwortungsvoll
Damit Menschen sich wahr- und ernstgenommen fühlen, ist es wichtig ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. Dazu gehört, Spielräume zu eröffnen, Grenzen zu respektieren und, wo nötig, auch klar zu setzen.
«Die Nähe, die Begegnung auf Augenhöhe und die entgegengebrachte Empathie waren sehr hilfreich.»
Ehemaliger Klient
Echte Teilhabe wächst dort, wo Wahlfreiheit auf Verbindlichkeit trifft. Freiheit bedeutet somit nicht grenzenlose Selbstbestimmung, sondern verantwortungsvolles Handeln im Bewusstsein, dass sie nur in Achtung vor der Gemeinschaft und der Freiheit anderer bestehen kann.
Um den Klientinnen und Klienten mehr Mitbestimmung und Verantwortung zu ermöglichen, wurde im Centre-Espoir vor über zehn Jahren das Projekt Magellan ins Leben gerufen. Es unterstützt begleitete Personen dabei, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Sie lernen, Entscheidungen zu treffen, die für das eigene Leben wichtig sind – stets mit Respekt vor den Menschen und Dingen, die sie umgeben.
Das Pilotprojekt zeigte bei allen Beteiligten schnell eine positive Wirkung. Deshalb wurde es schrittweise auf diverse institutionelle Bereiche ausgeweitet und ist heute fester Bestandteil der Institutionskultur.
«Die Nähe, die Begegnung auf Augenhöhe und die entgegengebrachte Empathie waren sehr hilfreich.»
Bei der Begleitung von Menschen in belastenden Situationen wissen wir nicht immer, wohin der Weg führt – aber wir vertrauen darauf, dass die Richtung im Gehen entsteht. Wir schreiten jedoch nicht voran, sondern gehen ein Stück des Weges gemeinsam mit den Betroffenen.
Ein entscheidender Faktor ist dabei die Präsenz. Das heisst: wir geben unserem Gegenüber die Ruhe, die es braucht und nehmen uns Zeit. Zeit nimmt den Druck, lindert den Stress und ermöglicht Nähe.
Ruhe x Nähe x Zeit = Präsenz
Darum reflektieren wir unsere Begleitung kontinuierlich und richten sie an den Ressourcen, Möglichkeiten und dem Tempo der Menschen aus, mit denen wir gemeinsam unterwegs sind. Erfolgreiche Begleitung basiert auf Vertrauen, einfühlsamer Begleitung und Zuversicht.
«Nähe braucht Zeit und gibt Ruhe. Das ist entscheidend, um sich auf Hilfe einzulassen.»
Ehemalige Klientin
In der Unternehmenskultur von Magellan bedeutet das, sich die Zeit zu nehmen, um zuzuhören, was die Personen erleben und zu sagen haben. So kann sich die Einrichtung an ihren Bedürfnissen orientieren und ihnen Raum geben für das, was ihnen wichtig ist.
Zusammengefasst bedeutet professionelle Nähe, dass wir gemeinsam mit unseren Klientinnen und Klienten nach Lösungen suchen: individuell, respektvoll und zugewandt – entsprechend dem Leitmotiv «über uns – nur mit uns». Denn die meisten Menschen spüren selbst am besten, was sie brauchen. Wir schaffen den Raum, in dem sie sich ohne Druck ausdrücken und entwickeln können.
Wir glauben daran, dass Beteiligung Perspektiven eröffnet und Veränderung möglich ist. Gemeinsam sind wir stärker als allein – weil gute Lösungen dort entstehen, wo das Ich, Teil eines starken Wir wird.
Judith Nünlist
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