Auf Wiedersehen, Marianne Lanz
Vor beinahe 34 Jahren, am 27. Juli 1992, trat Marianne Lanz ihre Tätigkeit im Sozialwerk der Heilsarmee am Hauptquartier an.
Acht Menschen mit unterschiedlichen Aufgaben übernehmen gemeinsam Verantwortung. Mit zwei kurzen Antworten zeigen sie, wie sie ihre Rolle verstehen – und was für sie im Sozialwerk auf keinen Fall verloren gehen darf.
Vivian Wiedemer, Sozialwerk
Die magische Stunde vor dem Morgen
Als nahezu magisch empfand ich oftmals die Zeit zwischen 05:30 Uhr und 06:00 Uhr – kurz vor der ersten Weckrunde, während die einen noch im Tiefschlaf sind, kommt langsam wieder Bewegung in die Notschlafstelle. Erste Menschen stehen auf. Wir trinken gemeinsam Kaffee am Tisch im Aufenthaltsbereich und die Zartheit der frühen Morgenstunden gibt Raum für tiefgründige Gespräche, wie sie während dem Lärm und manchmal auch sehr chaotischen Check-in Prozess am Abend nicht immer möglich waren. Der frühe Morgen schenkt Vertrauen in den neuen Tag und diese halbe Stunde schien manchmal extrem lang zu sein, während die 45 Minuten zwischen 06:15 Uhr und 07:00 Uhr in Sekundenschnelle davoneilten.
Einige Begegnungen blieben flüchtig und ohne viele Worte, während andere unsere Präsenz, unsere offenen Herzen und Ohren sehr schätzten, um ihren Nöten, Sorgen und Ängsten Gehör zu verleihen. Auch wenn wir nicht für jede persönliche Herausforderung eine Lösung parat hatten, dann half vielleicht eine Tasse Beruhigungstee oder einfach unsere pure Präsenz, um die Not gemeinsam auszuhalten.
Keine Nacht wie die andere
Jede Nacht brachte neue Geschichten, neue Herausforderungen und nicht eine Nacht war gleich wie die vorangegangene. Gewissheiten gab es selten (ausser dem Betriebsrahmen und dem Versprechen von frischer Bettwäsche). So war es wichtig, mit absoluter Offenheit für sämtliche Eventualitäten in die Nacht hineinzugehen. Tatsächlich kam es vor, dass um Mitternacht alle im Bett waren und schliefen, während andere Nächte unruhig, laut und voller Konfliktpotential waren oder gar die Ambulanz bestellt werden musste. Oder wenn mitten in der Nacht ein manischer Besucher bei uns telefonieren oder eine Tasse Tee trinken wollte. Oder jenes Clan-Oberhaupt auftauchte, das seine – im Liebesrausch durchgebrannte – Bettler-Freundin wieder einfangen wollte. Hin und wieder brachte auch mal die Polizei einen späten Gast bei uns vorbei.
Ein Schlüsselfaktor für ruhige oder weniger ruhige Nächte war oftmals auch die Bettenverteilung: mit wachsender Erfahrung wussten wir, wenn wir diese und jene Person gemeinsam in ein Zimmer legen, dann gibt es sicherlich Zoff. Eine Bettenrochade konnte manchmal Wunder bewirken. Die häufigste Beschwerde von Gästen: Lautes Schnarchen von Zimmergenossinnen und -genossen.
Dankbarkeit statt Gefahr
Bekannte fragten mich, ob ich denn nicht Angst hätte, allein in der Nacht in diesen Räumen zu sein. Nach diesem bewegten Winter in der Tiefenau kann ich klar sagen: In meinen Augen ist es eine absolut falsche Vorstellung, dass Nutzende einer Notschlafstelle vermeintlich gefährlich sein sollen. Mehrheitlich spürte ich von unseren Klientinnen und Klienten einfach nur tiefe Dankbarkeit.
Tatsächlich gab es schon auch brenzlige Situationen. Umso berührender war es, zu beobachten, wie die Gäste sich auch gegenseitig umeinander kümmerten und deeskalierend einwirkten, um gewaltvolle Situationen zu entschärfen. Auch wenn hin und wieder mal ein Hausverbot ausgesprochen werden musste.
Wenn ich um 07:30 Uhr die letzte Maschine mit Bettwäsche einschaltete, atmete ich leise auf. Auch ich verspürte eine riesige Dankbarkeit, gemeinsam mit den Gästen die Nacht sicher überstanden zu haben. Diese Dankbarkeit nehme ich mit in meinen Tag und öffne die Türe zu meiner Wohnung mit einer neuen Art der Wertschätzung – es ist nicht selbstverständlich nach Hause zurückkehren zu dürfen.
Karin Scheidegger, Mitarbeiterin soziale Begleitung im Nachtdienst, Notschlafstelle Tiefenau